In gewisser Weise ist ein offenes Fenster im zweiten Stock das Gleichheitszeichen zwischen Wunsch und Einsicht.

Wunschdenken ist eine gesunde Einstellung zum Leben. Wir wünschen, ein besseres Leben zu führen und motivieren uns damit zu Fleiß, Überstunden, Überwindungen. Wir wünschen uns, den netten Nachbarn endlich einmal zum Kaffee einzuladen und proben selbstbewusstes Auftreten vor dem Spiegel und Freunden, überlegen uns Gesprächsthemen, bereiten uns vor. Wir wünschen uns, über die letzte Beziehung hinwegzukommen und arbeiten an uns, öffnen uns für neue Freundschaften und Beziehungen.

Nein, nicht immer erfüllen sich diese Wünsche, oft aber erleben wir die wertvollsten Erfahrungen auf dem Weg zu ihnen. Dann ist es egal, ob wir ankommen oder nicht, denn wir haben bereits etwas gewonnen.

Manchmal allerdings wünschen wir zu viel. Manchmal wird aus Wunschdenken der Wunsch, endlich nicht mehr nachdenken zu müssen.

Wir wünschen, dass die ständigen Vergleiche mit den erfolgreichen Freunden endlich aus unserem Kopf verschwinden, wir werden wütend und verzweifeln. Wir wünschen, dass wir noch einmal zu unseren verstorbenen Eltern sprechen können, wir verfluchen die verpassten Chancen, die wenigen lieben Worte, die Abwesenheit am Totenbett. Wir wünschen, endlich Freunde zu gewinnen, doch der Weg zu Haustür ist unschaffbar, die Wände meterdick, das Telefon nicht eingeschaltet. Wir wünschen, endlich wieder aus dem tiefen Loch zu entkommen, doch die Wände sind zu glatt und niemand reicht uns eine Hand.

Wenn wir zu viel wünschen wird das offene Fenster im zweiten Stock zum Gleichheitszeichen zwischen Wunsch und Einsicht.

Ich wünschte, ich würde aufhören, nachzudenken. Ich wünschte, jemand würde das Fenster endlich schließen.