Ich gehe die Stufen hinauf und da sehe ich ihn.

Er sitzt mit einem Akkordeon auf seinem Schoß am Ende des Ganges, der zu meiner Bahn-Haltestelle führt. Noch trennen uns zahlreiche hektisch laufende Menschen, die die Routine ihres Feierabends kaum noch erwarten können. Ich gliedere mich in das geordnete Durcheinander ein, versenke den Kopf im Kragen und die Hände in meinen Taschen. Ich tauche in der wogenden Masse ab, ich gehöre zu ihnen, sie gehören zu mir.

Im Gleichschritt komme ich dem Mann näher und beginne zwischen den Regentropfen auf meinen Brillengläsern allmählich Einzelheiten zu erkennen. Er trägt eine ausgewaschene grüne Jacke, die mit zahlreichen bunten Flecken verziert ist. Es sind nicht die Flecken, die ein Kind mit Wasserfarben in der Faust oder ein ungeschicktes Haustier anrichtet. Es sind Andenken an zahllose Bänke, Bahngleise, Lagerräume und Fußböden dieser Stadt.

Ein dreckiges Gesicht mit dichtem, grauen Bart, eine Glatze und eine viel zu groß geratene Hose rahmen die Jacke. Die schwarzen Tasten seines Instruments sind vergilbt, die weißen hingegen grau und dreckig.

Ich grabe mich tiefer in meinen Mantel und laufe weiter.

Der Mann stimmt ein Lied an. Ich meine, Mozart herauszuhören, aber das Gerät ist so stark verstimmt und der Rhythmus viel zu schleppend, um die Melodie klar zu erkennen. Der Mann zittert stark. Husten durchbricht das Durcheinander aus Noten und Pausen. Ich spüre unter all den Kleidungsschichten einen Schweißtropfen, der langsam meinen Rücken hinunterrollt.

Die Musik wird lauter, die Schritte der Mitläufer leiser, schließlich befinden wir uns auf Augenhöhe.

Die Finger meiner linken Hand tasten nach dem Geldbeutel, der sich schon lange gegen die Knöchel presst. Ich denke darüber nach, ihn herauszuholen, zu öffnen und zu teilen.

Meine Schritte werden langsamer. Jemand rempelt mich an. Die Menschen hinter mir haben keine Zeit, nicht einmal zum Ausweichen. Der Schweißtropfen kräuselt sich unangenehm auf meiner Wirbelsäule. Es juckt mich überall. Nein. Ich beschleunige, werde schneller, entferne mich vom Akkordeon, von der grünen Jacke und ignoriere seinen Blick, der nicht überrascht ist. Das Ende des Ganges liegt vor mir. Das Geräusch der ankommenden Bahn verdrängt Mozarts Überreste aus meinem Kopf.

Ich gehe die Stufen hinauf und bin der schlechteste Mensch der Welt.