Eine geklammerte 1 lockt meinen Mauszeiger in den Nachrichteneingang, aus dem mich im leuchtendem Hellbau etwas Seltsames anstarrt.

„Huch, du lebst ja noch?“

Ich schaue nach dem Absender. Im Studium kennengelernt, schon lange aus den Augen verloren, zwei übereinstimmende Likes: die Ur-Definition einer Facebook-Freundschaft. Ich kann mich nicht an die Stimme dieser Person erinnern.

„Huch, du lebst ja noch?“

Ich schaue mich um. Seit 52 Jahren, aber eigentlich nur vier Tagen, bin ich alleine auf 64qm² verteilt – in schlimmen Momenten brauche ich allerdings nur etwa eine Handvoll davon.

Jeden Morgen stehe ich auf meinem Balkon, zähle die vertrockneten Nadeln des letzten Weihnachtsbaums, der vor Monaten drei Stockwerke nach unten stürzte und dort dumpf aufschlug. Auf der anderen Straßenseite schreckte damals ein junges Paar auf, das in der Dunkelheit spazierte. Ein kurzer Blick herüber, die Frau griff nach dem Arm des Mannes.

Sie gingen schnell weiter und bevor sie um die Ecke bogen, blickte auch der Mann noch einmal zurück. Ich sah von oben herab und beobachtete, wie der ausgemergelte Weihnachtsbaum ein letztes Mal vom Wind bewegt wurde und schließlich stumm liegen blieb.

„Huch, du lebst ja noch?“

Dann blicke ich von den Nadeln am Boden auf, gehe zum Geländer und suche nach den Überresten des Baums. Ich sehe ihn nicht mehr.

 

 

Ich lege die Finger auf neun Tasten, fixiere den Bildschirm vor mir—

„Dann halt nicht. Bye.“

 

Ich atme tief ein und lasse die Luft aus meinem Mund strömen.

 

 

Ja, ich lebe noch.