Ronja von Rönne ist freie Autorin und arbeitet unter anderem auch für Die Welt. In ihrem Artikel „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ schreibt sie über Depressionen und stellt laut die Frage nach der Unterscheidung von „gesund“ und „krank“. Ihr Text hinterließ viele Fragen und empörte Reaktionen, die teilweise auch in persönlichen Anfeindungen gegenüber der Autorin mündeten. Ich habe mich daraufhin mit Ronja in Verbindung gesetzt und sie für ein Interview gewinnen können, in dem sie einen Einblick in ihre Gedankenwelt gibt, die hinter dem Artikel „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ steht.

Für all jene, die den Text noch nicht gelesen haben oder sich noch immer fragen, was du eigentlich loswerden wolltest: Wie würdest du die Grundaussage deines Artikels „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ zusammenfassen? Welche Gedanken wolltest du mit deinen Worten ursprünglich lostreten?

Ronja von Rönne

Wenn der Text irritiert, hat er erreicht, was er möchte. Ich habe keine singuläre These verfolgt, der ich eine hübsche Argumentationskette um den Hals legen wollte. Umkreisen will der Text vor allem eines: Die Frage nach gesund und krank. Und ob diese Kategorien, gemessen an einem „Normalzustand“ überhaupt zählen und Bestand haben können. Wieso werden Krankheiten gerade Trend? Wieso sind so viele meiner Bekannten, wieso war ich solange „In Behandlung“? Wozu führt das, und was macht es mit Menschen, plötzlich eine Diagnose, also eine konkrete Problemnennunung, zu haben? Der Text möchte diese Fragen ausstellen.

Beantworten kann er sie nicht, das möchte ich mir auch gar nicht anmaßen. Aber wer sich umschaut, wird feststellen: Es gibt ein Problem. Ein sehr zerfranstes, faseriges Problem. Einen Imperativ hatte der Text allerdings: Bleibt tapfer. Lasst euch nicht von einer Diagnose in die Knie zwingen. Und behandelt eure kranken Freunde wie eure Freunde, und nicht wie Kranke. Dazu gehört auch, ehrlich zu formulieren, wenn man überfordert ist mit der Situation und Traurigkeit und Bedauern über den Zustand der Freundin äußern zu dürfen. Ich darf meine Freundin lieben, und gleichzeitig voll ohnmächtiger Wut auf ihre Krankheit sein. Ich muss das dürfen. Sonst bin ich nicht mehr Freundin, sondern Therapeut.

Vor allem auf Twitter aber auch in anderen sozialen Netzwerken hagelte es reichlich Kritik für die provokante Art, in der du über Depressionen schreibst. War dir bewusst, dass eine solche Reaktion auf dich warten würde oder fühlst du dich mit deinem Text missverstanden?

Viele meiner Texte haben polarisiert. Oft wird das negative Feedback unterschlagen. Mails wie diese: (Mit sehr freundlicher Genehmigung)

Sehr verehrte Frau von Rönne, liebe Ronja,
(…)
Fasziniert hat mich Ihr so treffender Artikel in der Welt. Und ich gestehe Ihnen eine Straftat: Ich habe die Zeitung bei Starbucks in Duisburg geklaut.  Da liegen immer drei Exemplare herum, fällt also keinem auf und man kennt mich dort. Und wer liest in Duisburg die Welt, aus dem Verlag kennt man dort nur ein Blatt.
Sie haben aber, um nicht abzuschweifen, eine sehr treffende Analyse abgegeben, so dass ich meinem Therapeuten schon sagen wollte, das war es; Frau von Rönne hat mich geheilt. Sie sind der Gestörte.
(…)
Herzlichst grüßt Sie
(Name gelöscht)“

Auf Twitter ging es sehr plötzlich sehr rund. Ich war sehr überrascht, weil ich zuvor nur sehr positives Feedback bekommen hatte.
Es tut mir aufrichtig Leid, wenn einige aus dem Text herauslesen, dass ich psychische Krankheiten so sehe wie einen Kurzurlaub. Dann ist tatsächlich etwas schief gelaufen. An Stellen war der Text sehr unsensibel, euphemistisch würde man sagen: polemisch. Wenn der Eindruck entsteht, dass ich aus dem Leiden schwer Kranker Menschen mit einem provozierenden Artikel Profit schlagen wollte, ist wirklich etwas schief gelaufen.

Allerdings wirkten viele der Twitterer nicht wie Depressive oder Borderliner, sondern wie Internet – Krawallmacher, Trittbrettfahrer auf einer Empörungswelle, die mit ihrer Pseudo-Betroffenheit retweets generieren wollen. Posts wie „Ich wünsche dir Krebs“ sind ekelhaft. Das war sehr schlimm, und es trifft mich auch. Natürlich frage ich mich dann, wie das eigentlich so schief laufen konnte. Auf Twitter ist es leicht, bei einem ungerechten Post auf „retweet“ zu klicken. Die 140 Zeichen berauben jeden User der Differenzierung. Ein schreckliches Portal, Twitter. Man kann sich nicht wehren.

Aber ich bleibe nach wie vor dabei, dass ständiges Mitgefühl und Über-den-Kopf-streicheln Betroffenen nicht hilft, sondern sie degradiert. Ich war selbst lange in Therapie. Geholfen haben mir die, die mich wie einen Menschen behandelt haben und nicht wie eine Diagnose auf zwei Beinen, die also, die mir ehrlich gesagt haben, wenn ich sie nerve, die mich nicht auf meine Krankheit reduziert haben und ständig mitleidig geguckt haben.

Viele, die selbst unter Depressionen leiden, werfen dir vor, mit deinem Text zur Stigmatisierung der Krankheit beizutragen. Empfindest du das auch so? Wieso war es für dich wichtig, derart offensiv über das Thema zu schreiben und nicht stattdessen einen beschwichtigenden oder entgegenkommenden Ton anklingen zu lassen?

In dem Text fällt der Satz „Heute werden psychische Krankheiten nicht mehr stigmatisiert“. Damit wollte ich meinen Eindruck wieder geben. Das war vielleicht zu sehr in meinem Umfeld gedacht. Und ich glaube nach wie vor, dass uns vieles krank machen kann. Dass das Leben gerade nicht einfach ist für alle, die noch nicht fest verankert sind. Und dass die Grenzen zwischen Depression und chronischem Unglücklichsein sehr fließend sind. Eine Gratwanderung.
Mir ist es wichtig, offensiv zu schreiben, weil alles andere verlogen ist. Und Sugarcoating hat noch keinen Depressiven jauchzen lassen. Ehrlichkeit, oder der Versuch von Ehrlichkeit, können brutal sein. Solange sehr viele einen Text feiern, und ihn gleichzeitig sehr viele verurteilen,  habe ich offensichtlich einen Nerv getroffen. Das finde ich erst mal interessant.

Während viele Menschen versuchen, Depressionen verstärkt zum Thema zu machen und Aufklärungsarbeit zu leisten, fühlen sich wiederum andere, die nicht betroffen sind, vom Diskurs gestört: „Plötzlich ist jeder depressiv?!“, „Ich bin nicht depressiv und habe deswegen ein schlechtes Gewissen!“ sind Parolen, die man durchaus immer häufiger hört. Wie schätzt du den Stand der Depression als Thema ein? Überpräsent? Unterrepräsentiert? Welches Verhalten der Akteure wäre deiner Meinung nach angebracht?

Depression ist eine willkommene Entschuldigung, davon gehe ich immer noch aus. Ich meine das aber nicht hämisch, sondern bedauernd. Aufklärungsarbeit, so zumindest mein Eindruck, wird inflationär betrieben. Und wieder: Die Grenzen sind fließend. Der Depressive ist ja nicht nur jemand, der nur ans Bett gefesselt ist und es kaum schafft, sich sein Fertiggericht zu erwärmen. Es sind auch sehr viele, die oberflächlich funktionieren. Trotzdem ist es glaube ich verlockend, einer Diagnose nachzugeben, sich hineinzukuscheln in die Gewissheit, dass man ja krank ist. Dabei vergessen viele, dass sie trotz allem Menschen sind, dass nicht alles Krankheit oder Symptom ist. Ich halte das für sehr gefährlich. Man ist nicht nur seine Krankheit. Und ich habe sehr stark den Eindruck, dass viele das vergessen und ihre Krankheit vorschieben. Nicht böswillig, sondern weil es keine Kraft fordert.  Ich habe das selbst sehr lange gemacht, nach dem Motto „Ich bin depressiv, ich darf nicht zu viel von mir verlangen gerade“. Für mich war das falsch. Diese Idee hat meinen Kampfgeist gegen das Elend sediert. Und ich beobachte das sehr häufig bei anderen. Allein dass der Text so polarisiert, bestätigt das meiner Meinung nach.

In letzter Zeit platzieren immer häufiger Blogger und Redakteure Trigger-Warnungen für depressive Leser vor ihren Texten. Was hältst du von diesem Trend?

Nichts. Ich will als „Kranker“ nicht vor mir selbst geschützt werden. Ich bin kein Kind, das eine FSK Warnung braucht. Aber ich kann verstehen, wenn es dazu andere Standpunkte gibt. Es sind nicht alle so wie ich, manchmal vergesse ich das.

 

Vielen Dank an Ronja, die sich für das Gespräch Zeit genommen hat. Wenn ihr noch weitere Fragen an die Autorin habt, die in dem Interview nicht beantwortet wurden, dann schreibt diese in den Kommentarbereich; ich werde sie dann weiterleiten.