Trigger-Warnung: Dieser Text dreht sich um Suizidalität.

Mein erster, richtiger Job, nachdem ich Süddeutschland und meine alte Universität verlassen hatte, lag in der unmittelbaren Nachbarschaft, hier in Friedrichshain. Meine Straßenbahn öffnete fast unmittelbar vor meiner Haustür ihre Türen und entließ mich schon nach wenigen Minuten und zwei Haltestellen in die Arme meines Arbeitsgebers – ziemlich aufregend, für ein Dorfkind wie mich, das bis zu seinem 20. Lebensjahr nie eine Straßenbahn Teil seines Alltags nennen musste.

Nach etwa einem Jahr wechselte mein Arbeitgeber und damit auch mein Arbeitsweg. Aus acht Minuten wurde eine Abfolge mehrerer Verbindungen, die mich nun jeden morgen irgendwas zwischen 30 bis 50 Minuten Zeit kostet. Ich begegne damit täglich etwa viermal so vielen Menschen und entdecke trotzdem immer wieder ein neues, grimmiges Gesicht unter all den bekannten Morgenmuffeln, die man sich nach einigen Wochen eingeprägt hat.

Mit der neuen Route wurde ich mit noch einer weiteren Neuerung konfrontiert, die meine Gedanken Tag für Tag, immer wieder und wieder, in Bewegung bringt: Bahnsteigkanten.

Bahnsteigkanten sind faszinierende Sonderlinge, sicherheitstechnische Außenseiter, die nicht zum Rest unserer Zuckerbrot schmierenden Gesellschaft passen wollen: Wir installieren Rauchmelder, platzieren Feuerlöscher, befestigen Geländer, dichten Fenster ab. Wir hören Gute-Laune-Musik, schauen Happy Ends. Wir trinken Smoothies, machen Diäten, vergleichen Kalorien, warnen vor frisch gestrichenen Wänden. Wir sprechen anderen Mut zu, umarmen uns, versöhnen uns. Liken, Retweeten.

Und doch haben wir Bahnsteigkanten.

Ich stehe jeden morgen an dieser Bahnsteigkante und folge mit meinen Augen dem Verlauf der Gleise und wie sie zu meiner linken und rechten in der absoluten Dunkelheit der Bahntunnel verschwinden. Dort kündigen zwei runde, blassgelbe Lichter die heranrauschende Bahn an, die durch die Schwärze bricht und offenbar nur kurz vor dem Einstiegsbereich merklich zu bremsen beginnt. Luft, die bei jeder Ankunft aus der Dunkelheit zu den Wartenden am Gleis gepresst wird, zerrt an Kleidung und Frisuren.

Währenddessen stehe ich an der Bahnsteigkante, die Füße ignorieren die markierte Sicherheitslinie und meine Zehen blicken auf das Gleisbett. So stehe ich dort, warte auf Rattern aus der Dunkelheit, das die herannahende Menschenladung ankündigt.

Ich schließe die Augen.

Es ist einfach, blind die Entfernung der Bahn einzuschätzen. Das Rattern wird lauter, der Lärmpegel steigt, Füße scharren und machen sich zum Einsteigen bereit, Gespräche werden unterbrochen.

Ein Schritt würde genügen, um ein Leben zu beenden.

Die Geschwindigkeit der Bahn würde meinen Körper erfassen und mich einige Meter nach vorne schleudern, um schließlich Knochen und Gelenke unter dem tonnenschweren Koloss zu vergraben. Der Fahrer würde aufschrecken, vielleicht sogar laut und erstaunt rufen, bevor wenige Momente später helles Blut an seiner Fensterscheibe entlangspritzen würde.

Kinder schreien, Erwachsene trauen ihren Augen nicht, erste Smartphones werden gezückt und Verbindungen zu Facebook und Twitter hergestellt. Der Bahnfahrer dürfte sich den Tag frei nehmen, der Chef verspricht ihm ein Gespräch mit einem Psychiater – dazu ist er immerhin vertraglich verpflichtet. Reinigungspersonal kümmert sich unterdessen um die körperlichen Überreste, der Streckenabschnitt wird abgesperrt. Ärgerlich, fast traurig, aber lange kein Einzelfall. Kommentarbereiche im Internet regen sich über die Verspätungen auf. Vielleicht wird sogar eine Petition gegen Selbstmordversuche gestartet.

Ich öffne meine Augen, trete zwei Schritte zurück.

Bahnsteigkanten sind seltsame Orte. Ich blicke mich um. Manche Mitfahrenden scheinen meine Gedanken zu teilen. Sie blicken gedankenverloren den kleinen Abgrund hinab.

Alle fünf bis zehn Minuten fährt eine neue Bahn in die Station ein. Alle fünf bis zehn Minuten wird eine unsichtbare Frage auf die Bahnstation und ihre Gäste ausgebreitet: „Ist es das alles wert? Auf welcher Seite der Sicherheitslinie stehst du? Es wäre ganz einfach, einen Schlussstrich zu ziehen, auszusteigen – wieso tust ausgerechnet DU es nicht?“

Vor einigen Tagen riss ein lauter Schrei ein tiefes Loch in die morgendliche Decke des stillschweigenden Grummelns: Ein Mann mittleren Alters schien dem Ruf der Bahnsteigkante folgen zu wollen und war den Gleisen entgegengesprungen, als das Rattern aus dem dunklen Tunnel immer lauter und lauter wurde. Nur das beherzte Einschreiten einer Gruppe Jugendlicher hielt den Mann von seiner Tat ab. Mehre starke Hände hielten den Hünen im Anzug, den ich auf etwa 50 Jahre schätzte, von einem Sprung ab. Ein Ehering glänzte an seinen schwitzenden Händen. Die Gruppe wurde gelobt und verließ schulterkopfend anschließend die Haltestelle – der Mann blieb mit hängenden Schultern und ins Leere blickend zurück.

Bahnsteigkanten sind Sonderlinge, die stumm und geduldig, Morgen um Morgen, die gleichen Fragen stellen: Auf welcher Seite willst du stehen? Schaut morgen früh einmal mit aufmerksamen Blick die anderen Wartenden an: Der innere Konflikt, die Poesie der Bahnsteinkante, spiegelt sich auf mehr Gesichtern wider, als ihr jetzt vielleicht noch glaubt.

Seid zur Stelle, wenn jemand nicht mehr die zwei Schritte zurückgeht, sobald das Rattern im Tunnel lauter wird – aber lasst ihn oder sie nicht mit hängenden Schultern zurück. Die Bahnsteigkanten werden auch am nächsten Tag wieder da sein – ihr vielleicht nicht.