Als Kind war mein Lieblingsgeräusch das Klirren des dicken Hausschlüsselbundes, den meine Mutter besaß. Bis heute habe ich den Klang und das Klimpern der zahlreichen Anhänger, abgewetzter Erinnerungsstücke und Schlüssel noch so exakt im Ohr, dass ich den Klang nachzeichnen könnte – wenn das nur irgendwie ginge.

Sobald meine Mutter den Schlüssel hervorkramte, wusste ich, dass ein Ausflug in die Stadt bevorstand – und im besten Fall ohne mich. Es dauerte lange, bis meine Eltern genug Vertrauen aufbringen konnten, mich für einige Zeit in der Wohnung alleine und ohne Aufsicht zurückzulassen. Als diese Freiheit durch feuchte Augen und dramatische Wimpernaufschläge schließlich irgendwann erlangt war, zelebrierte ich jeden Abschied intensiv und mit einem riesigen Grinsen auf den Lippen.

Die nächstgrößere Stadt lag etwa 9 km von meinem Heimatort entfernt. Der Fußweg zum Auto, die Fahrt selbst und das Suchen nach einem Parkplatz nahm jedes Mal mindestens eine halbe Stunde Zeit in Anspruch – dann noch einmal die gleiche Zeit für den Rückweg und ich kam bereits auf volle 60 Minuten völliger Galgenfreiheit, in der ich daheim tun und lassen konnte, was ich wollte.

„Sturmfrei“ zu haben, alleine im großen Elternhaus zurückgelassen zu werden, war der Höhepunkt meiner Kindheit. Ich konnte Videospiele spielen, die mir sonst verboten wurden, Musik hören, die sonst zu laut war und gegen alle möglichen sonstigen Hausregeln verstoßen, die sonst meinen Alltag regelten. Ich liebte es, alleine zu sein, völlig ungestört Ich-sein zu können. Diese Höhepunkte meiner Kindheit, in denen ich wie besessen Freizeit und Freiheit in mich aufsaugte, wurden lediglich durch den gelegentlichen bangen Blick auf die große Wohnungsuhr unterbrochen, während meine Lippen die stumme Frage formten: Wann ist es wieder vorbei?

Zwanzig Jahre später habe ich verlernt, alleine zu sein. Sobald ich mit meinen Gedanken alleine gelassen werde, ob nun auf dem Arbeitsweg, dem schnellen Gang zum Supermarkt nebenan oder während eines Wochenendes alleine in meiner Wohnung – ich spüre von Mal zu Mal, wie sich um mich eine unendliche Tiefe ausbreitet, die nach mir greift. Es fühlt sich wie dieser Alptraum an, in dem man von Schatten verfolgt wird und ein kalter Hauch im Nacken die Gänsehaut bis in die Fingerspitzen jagt.

Ich versuche mich abzulenken. Mit Videospielen, für die ich sonst keine Zeit habe, mit Musik, die ich schon viel zu lange nicht mehr gehört habe. Meistens gelingt diese Strategie, über die jeder Psychotherapeut wohl die Hände zusammenschlagen würden. Aber ein Restrisiko, im eigenen stummen Monolog zu versinken, bleibt immer. Die wenigen Sekunden Stille zwischen zwei Liedern werden zur Stolperfalle, jeder Gang zum Kühlschrank, um kurz etwas zu trinken zu holen, wird zur einsamen Wanderung.

Manchmal ist niemand da, um mich aus diesem Loch zu ziehen. Manchmal höre ich die falsche Musik, umgebe mich mit falschen Menschen und Medien – falle schließlich. Tief. Viel zu tief.

In letzter Zeit bemerkte ich, dass ich in diesen Momenten unregelmäßig zu atmen beginne. Es ist keine panische Schnappatmung, auch kein Luftanhalten mit lustig-aufgeblähten Backen, nein. Es ist ein plötzliches Aussetzen des Unbewussten. Diese Beobachtung bringt mich zum Nachdenken.

Der menschliche Körper hat Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um nicht von alleine zu ersticken, es ist dank zahlreicher Reflexe unmöglich, durch bloßes Stillhalten zu ersticken. Und trotzdem fühlen sich diese wenigen Sekunden an, als ob ich mich selber zwingen muss, weiter zu atmen, jeden Lufthauch unter Mühen und größter Anstrengung manuell einzuatmen und wieder freizugeben. Es ist, als habe ein Teil von mir bereits aufgegeben und es hat lediglich irgendjemand vergessen, dem Rest von mir Bescheid zu sagen.

Es ist nicht lange her, dass mein Vater überraschend verstorben ist, auf eine Art und Weise, die unvergesslich bleibt. Seitdem ist Sterblichkeit kein abstraktes Konstrukt mehr für mich, sondern ein Gedanke, der mich täglich herausfordert. Alles, was ich tue, sehe ich im Kontext der Endlichkeit, der begrenzten Mittel. Eine unglaubliche Lethargie greift nach mir. Manchmal kehren dann meine Gedanken zu seinem Grab zurück – und ich höre auf zu atmen.

Ich will kein Mitleid, ich verlange keine mitfühlenden Worten. Ich will, dass ihr euch glücklich schätzt, wenn ihr kein einzelnes Wort von mir nachvollziehen könnt. Viel zu viele verstehen mich.