Die Silvesternacht steht mit Böllern, hohlen Vorsätzen und Alkohol aus der Angebotswoche vor der Tür und möchte spätestens zum Einbruch der Dunkelheit hineingelassen werden. Während andere sich der hysterischen Vorfreude auf den Kalenderwechsel hingeben und schon jetzt mit asiatischen Dezibelbomben um sich werfen, beziehe ich meine Couch und sortiere für heute Abend Bücher, Snacks und DVD-Hüllen nach zu konsumierender Reihenfolge.

Ja, ich gebe zu: Ich werde dieses Silvester nicht unter dem freien Himmel (Balkon zählt nicht) verbringen oder auf einer orgiastischen Party mit anderen Hosen tauschen. Und ich weiß, dass da draußen noch andere sind, die sich angesichts des sozialen Drucks, der seit Wochen „Das perfekte Silvester-Outfit!“-Videos vorproduzieren lässt, der restlichen Welt noch verheimlichen, dass sie ebenso wie ich die heimische Couch hüten werden. Für dieses Jahr habe ich mir einen kleinen Versuch überlegt, all euch Hausschuhträger zu erreichen und mit euch eine Silvestergeschichte zu schreiben.

Das ganze funktioniert wie eine riesige Kettengeschichte, die nur für eine Nacht existieren wird: Gegen 22 Uhr werde ich via Twitter ein Dokument in die Welt hinausjagen, auf dem ihr eine kleine einführende Geschichte lesen könnt. Diese wird in einem Cliffhanger enden, der dann von euch auf beliebige Weise und mit maximal 300 Wörtern fortgesetzt werden kann — natürlich bleiben die Schreiberlinge, wenn nicht anders gewünscht, anonym. Aber auch zuschauen ist erlaubt: Wer nicht unbedingt mitschreiben möchte, kann es sich natürlich trotzdem einfach im Dokument gemütlich machen und den Autoren dabei zusehen, wie sie eine immer größer werdende Geschichte erschaffen. Gegen Morgen des 1. Januars werde ich dann die Aktion wieder beenden und in ein paar Tagen die fertige Geschichte hier für euch veröffentlichen.

Auf dem Dokument, das ich später zur Bearbeitung freistellen werde, findet ihr noch einmal alle Eckdaten und notwendigen Informationen zusammengefasst.

Scheut euch nicht davor, Freunden, Bekannten und Schnitzelbots von dieser Idee zu erzählen und haltet gegen 22 Uhr die Augen offen, wenn die Nachtgeschichten 2014 ihren Anfang nehmen! Ich freue mich auf eure flinken Finger!

nachtgeschichten

 

UPDATE: Die Aktion hat unheimlich Spaß gemacht und wurde von mehr Spontan-Autoren als erwartet weiterverbreitet: Zu Spitzenzeiten fanden sich während der Silvesternacht bis zu 60 Leser ein, von denen viele selbst zum digitalen Stift griffen und die Nachtgeschichte weitererzählten. Es war eine tolle Erfahrung, live den Entstehungsprozess zu beobachten und ich werde diese Aktion in Zukunft sicher wiederholen! Nochmals Danke an alle, die mitgemacht haben und mit Twists und Feuerbällen um sich warfen!

Hier nun die vollständige Nachtgeschichte 2014

Von draußen ist das regelmäßige, dumpfe Knallen der Böller zu hören, die eilig in Briefkästen oder unter Autos geworfen wurden — dicht gefolgt vom Lachen mehrerer Stimmen, die sich zu ihrer Leistung gratulieren. “Verdammte Assis” denkt sich Laura und blickt besorgt zu ihrem schwarzen Kater Brecht, der sichtlich aufgeregt zwischen Tischplatte und Sofa hin und her wechselt und die abendliche Schwärze auf der anderen Fensterseite mit großen Augen absucht.

Eigentlich war es nicht ihr eigenes Haustier, sondern Maskottchen und Familienmitglied der WG, in der Laura seit mittlerweile rund einem Jahr lebte. Doch seit dem Tag, als sich das schwarze Tierchen nach einer unruhigen Nacht auf ihrer Prüfungsliteratur (Die gesammelten Werke von, wie kann es anders sein, Bertolt Brecht) übergeben hatte, verband beide ein seltsames Band der Freundschaft. Vielleicht lag es daran, dass Laura keinem ihrer Mitbewohner von dem Vorfall erzählte und dem Kater so einige beschämende Bemerkungen ersparte. Vielleicht war es aber auch einfacher, mit einem Tier namens “Brecht” befreundet zu sein, das sich an jenem Morgen theoretisch auch auf die Autobiographie Hitlers hätte übergeben können. Doch die Wahl fiel auf den deutschen Autor und damit eroberte der schwarze Vierbeiner das Herz der Studentin, die sich nun zu Brecht auf den Boden setzte. Der Kater kletterte nach kurzem Zögern auf ihren Schoß und vergrub sein Gesicht in ihrem Pulli.

Der Kalender zeigte den 31. Dezember: Silvesternacht. Ihre drei Mitbewohner waren bereits ausgeflogen und jagten im letzten, noch geöffneten Supermarkt nach Bier und Schnaps, der später in der gemeinsamen Küche Mägen und Blutkreisläufe kapern sollte. Laura allerdings hatte andere Pläne. Sie fischte ihr Handy aus der Hosentasche, während Brecht gegen die unerwartete Bewegung miauend protestierte. Sie blickte auf das Display und ihr Mund weitete sich zu einem breiten Grinsen.

Eine SMS von ihrer besten Freundin Mia: “Der Plan ist aufgegangen, Laura! Es hat wirklich funktioniert! Ich kann es immer noch nicht glauben.” Laura musste lachen. Das war unmöglich! Hatte es Mia wirklich hinbekommen? Oder ist das wieder nur eine ihrer aufheiternden Nachrichten gewesen?

Egal, es gab erstmal anderes zu tun. Eine andere Nachricht auf ihrem Handy kam von ihrem Freund, Ben, der offenbar ihre Hilfe benötigte. Er musste von irgendwo abgeholt werden (schon wieder), und da Laura ein Auto besaß, durfte sie dieser ehrenvollen Aufgabe nachgehen.

Sie zog sich nur kurz ihre Jacke an und fuhr los, um es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Schon wieder der Nachrichten-Ton. In Gedanken bereitete sich Laura auf eine weitere wichtige Nachricht vor, doch in diesem Fall waren es lediglich die Neujahres-Wünsche ihres Handy-Providers. Gott sei Dank, nicht noch einer der was will. Im Auto drehte sie erst einmal ihren Lieblingssender auf, laute Musik soll ja helfen, solche Lebensmomente besser durchzustehen. Doch dann musste Laura an was ganz anderes denken: Bremsen!

Sie fuhr auf eine Kreuzung zu, doch die Ampel war schon lange Rot! Im letzten Moment kam das Auto gerade noch zum stehen. Die anderen Fahrer hupten ihr nach, während sie, auf ihrer Spur, über die Kreuzung fuhren. “Das war aber knapp”, dachte sie sich und legte das Handy weit zur Seite um nicht noch einmal in die Versuchung zu kommen.

Ben brachte sich immer wieder in solche Situationen. Vor einem Jahr ist er im nahen Vergnügungspark Schonkenmüller (man kennt ihn aus der Radiowerbung: “Sch-sch-sch-Schonkenmüller! Mit dem Riesenrad für Groß und Klein”) mit einem Bein in einer Holzplanke stecken geblieben, mitten in der Warteschlange zum Riesenrad (für Groß und Klein). Ein echter Sch-sch-sch-Schonkenmüllerschock. Und weil der Park kurz darauf geschlossen wurde und der tolpatschige Ben sich nicht befreien konnte, blieb er die Nacht über im Park. Erst am nächsten Morgen wurde er vom pickeligen Parkwächter gefunden, der eigentlich nur mal schnell eine Tüte rauchen wollte. — Jetzt also ein Autounfall

Laura fuhr weiter mit dem Gefühl gerade noch einmal davon gekommen zu sein. Nur einen kurzen Moment war sie unachtsam gewesen, ein kurzer Moment, der ihr oder auch das Leben einer anderen Person dramatisch hätte ändern können. Doch alles ist noch einmal gut gegangen. Dieses mal. Was würde wohl ein nächstes kommen? In der nächsten Minute im nächsten Jahr? Ein Moment. Ein Moment beendet das Jahr und beginnt das neue. – Laura verlor sich in ihren Gedanken, wärend sie ihrem Ziel immer näher kam. Eigentlich hätte sie im nächsten Moment, bei der nächsten Abbiegung Ben sehen müssen. Doch er war nicht da.

…Doch, er war da.

Laura machte Ben in einen Busch aus, wo er sich mehr schlecht als recht versteckte. Was zur…?

“Ben! Was machst du da?”, rief Laura als sie aus dem Wagen stieg.

“Pssssst!”, wedelte Ben ihr gehetzt zu. “Nicht so laut! Sonst hören sie uns!”

[Jemand rief: FROHES NEUES!]

Ben versteckte sich daraufhin noch tiefer im Busch. Was nicht sonderlich half. Und obendrein sehr dämlich aussah.

Laura zerrte ihren Freund aus dem Gebüsch. Sie wurde wütend. Wütend auf Ben, der offensichtlich sein Versprechen gebrochen und wieder Drogen eingeschüttet hatte – aber auch wütend auf sich. Sie hätte für ihn da sein müssen.

“Lass uns zu mir gehen. Komm erstmal wieder runter.”

– “Nein, nein, Laura. Ich…ich muss dir was zeigen”, raunte Ben und zerrte wankend Laura hinter sich her. Mit festen Schritten näherten sie sich einer noch geöffneten Tankstelle, die unweit der beiden am Straßenrand Licht in die Dunkelheit der Nacht brachte.

Ein paar Jugendliche zündelten gerade ein paar Böller direkt in der Nähe der Tankstelle. Laura schüttelte mit dem Kopf und hoffte, dass die natürliche Auslese nicht in ihrer Anwesenheit stattfinden würde. Ben näherte sich der Gruppe der Lebensmüden.

Als auch Laura sich widerwillig der kleinen Gruppe knallender Vollidioten näherte, zu der Ben sie so zielsicher geführt hatte, bemerkte sie eine ihr vertraute Stimme. “Was macht die denn hier?”, dachte Laura, als auch Mia sie bemerkte.

“Lauraaaa”, schrie Mia mit heiserer Stimme und rannte auf ebendiese zu. “Lauraaa, ich hab dir vorhin geschrieben … du glaubst nicht, was passiert ist.”

“Du glaubst wirklich nicht, was passiert ist”, tönte auch Ben.

Laura überlegte kurz, ob sie ihr seltendämliches Spiel mitspielen oder die beiden inmitten der anderen Vollidioten einfach stehen lassen und zu Brecht zurückkehren sollte.

“… WAS ist passiert?”, stöhnte Laura missmutig.

“Ein Feuerball!”, rief Mia begeistert.

“Na ja, ein kleiner Feuerball.”, beschwichtigte Ben.

“Genau genommen war es eigentlich überhaupt nicht wie ein Feuerball…”, korrigierte Mia.

Laura war noch genervter als zuvor. Das Wort “Feuerball” in der Nähe einer Tankstelle zu hören, hebte ihre Laune obendrein nicht an: “Und was bitteschön ist dieser kleine Feuerball-der-eigentlich-gar-kein-Feuerball-ist?”

“Es war eher wie ein Feuerstrahl!” Schrie Mia jetzt noch ein Stückchen lauter.

“Psssssshhhht” zischte Laura noch genervter als zuvor. “Jetzt sag nicht das hat etwas mit dem großen Plan zu tun, der in deiner SMS?” Fragte Laura ganz stutzig.

Doch Mia errötete plötzlich und wurde ganz kleinlaut. “Naja…naja doch… ein bisschen, das ist zumindest ein Teil davon, aber fang ich mal von vorne an, Ben hat auch seinen Teil dazu beigetragen”.

“Mia!”….. Rufte Ben ganz leise während Laura gespannt auf die Geschichte wartete.

Und da bekamen Ben, Mia und Laura einen absonderlichen Strahl zu sehen. Denn Mia übergab sich fast unmerklich, aber mit Inbrunst in Bens Versteck-Busch und fiel in ein Beinahe-Koma. Ben kicherte und pikste sie mit einem dünnen Ast am Kopf an. Laura hatte ein Deja vu. Als die drei mit Lauras damaligen Freund Jesus Pedro durch Guatemala trampten, war Ähnliches passiert. Laura hatte damals die drei Komasäufer, die unter Einfluss von einem lokal bekannten Wurzeltee über Feuerbällen und synthetischen Energiequellen sinnierten, ins Hostel gebracht zum Ausnüchtern. Am nächsten Morgen wussten sie von nichts. Das passiert nicht noch einmal und sie beförderte die beiden in die nächste Bar, um dem Gefasel auf den Grund zu gehen.

“That escalated quickly.”, gab Ben im gebrochenen Englisch zu verstehen als sie in der Bar ankamen. Mia war wieder bei Bewusstsein, die sobald eine strenge Wasser-und-Brot-Diät befohlen bekam.

Immer darf ich die Mama spielen, auf alle aufpassen, dachte Mia in sich grummelnd. Sie drehte sich zu Ben und fragte nochmal nach “sag mal Schnuff, was ist denn jetzt eigentlich heute Nacht passiert? Hab ich viel verpasst?” “Was…?” Antwortete Ben, der sich grade an der Theke noch etwas zu trinken bestellt hatte “…was hast du gesagt?” Er drehte sich halb zu Mia, die Bestellung abwartend. Mia fragte etwas genervter nach “Das Feuerwerk, was war damit? Ihr erzählt die ganze Zeit vom Feuerball, oder sowas…” Gerade bekam Ben sein Getränk in die Hand, da drehte er sich hastig zu ihr um “Ja genau! Hör mal, was war so…”   währenddessen lief Brecht in der Wohnung auf und ab, und miaute unsicher ob noch jemand in der Nähe sei, suchte dann seine Plüschdecke auf und machte es sich bequem.