In den letzten Tagen, die das Ende des langsam sterbenden Jahres 2014 begleiten, las ich vermehrt ganz persönliche Jahresrückblicke von Freunden und Bekannten, die online ihre Erkenntnisse, Erfolge, Niederlagen und Pläne für die Zukunft offenlegten. Wie selbstverständlich war das „Ich“ dabei die Hauptrolle: Ich muss aktiver werden, ich muss mutigere Projekte wagen, ich darf mich nicht so sehr über die moderne Diskussionskultur im Netz ärgern, ich, ich, ich gegen die anderen. 

Es ist der 30.12.2014, das Handydisplay zeigt 02:02 Uhr an. Vor vierzehn Tagen starb mein Vater unerwartet. Vor 336 Stunden erlag er plötzlich auftretenden Hirnblutungen, ob er zuvor wach war und alles miterlebte oder vom Schlaf in den Tod hinübergleitete, das bleibt ungeklärt. Mein turbulentes Jahr 2014, das voller Neuanfänge und ehrgeiziger Ziele steckte, das ich mit eigener Kraft Monat für Monat selbst gestaltete, wurde in den letzten Tagen von einer unerträglich allumfassenden Ohnmacht beschlossen.

Am Tag seiner Beerdigung hielt ich vor meiner Familie und hundert anderen Leuten die folgende Grabrede, die ich hier mit euch teilen und für mich erhalten möchte.

Fast unmittelbar sofort, als ich vom Tod meines Vaters, Paul Schott, erfuhr, wusste ich, dass ich hier und heute über ihn sprechen werde, sprechen muss. Die Frage war nur: Wo würde ich meine Geschichte beginnen?

Am Abend des vergangenen Dienstags stellte ich mir diese Frage und schloss schließlich die Augen, um tief in mich zu gehen und zu überlegen, welche Bilder ich als erstes mit meinem Vater verband. Deutlich erinnerte ich mich an meine früheste Kindheit, als mein Vater mit mir in seinem alten, ersten Arbeitszimmer vor seinem Computer saß und mir ein Videospiel nach dem nächsten zeigte. Obwohl ich kaum meinen eigenen Namen selber schreiben konnte, ergriff ich begeistert die Maus und Tastatur und machte unter seiner Aufsicht meine ersten Schritte in einer ganz neue Welt, die ich damals noch kaum verstand. Bis heute prägen mich diese ersten Erfahrungen mit der digitalen Welt, die mir mittlerweile ein festes Gehalt und eine Zukunftsplanung ermöglichen.

Auch erinnere ich mich an die vielen Abende, an denen er mir vor dem Schlafengehen aus meiner Kinderbibel vorlaß und ich von fantastischen Geschichten hörte, die von selbstlosen Helden und mutigen Männern und Frauen handelten. Danach sprach er jedes Mal mit mir ein Abendgebet, das sich über die Jahre nie änderte und obwohl ich lange Zeit die Worte nicht verstand, die wir beide halb flüsternd vor uns in die Dunkelheit meines Kinderzimmers sprachen, so spürte ich, dass ihm dieses Ritual wichtig war.

Mein Vater war ein sehr spannender, vielschichtiger Mensch, niemand, den man nach einem Gespräch ganz und voll fassen und greifen kann. Ich erlebte ihn als einen entschlossenen, bestimmten aber auch freundlichen Vorgesetzten, als ich meinen allerersten Ferienjob bei der Firma Lenz ächzend hinter mich brachte. Begeistert und fasziniert von jeder Form der Geschichte, erkundete er mit mir vor über 10 Jahren die Ruinen Roms und entfache in mir eine Begeisterung, die bis zu einem Archäologiestudium führen sollte. Er zeigte mir, wie eine Apfelschleuder funktioniert, begleitete mich jahrelang jeden Freitag in die Stadtbibliothek, brachte mir das Schießen mit dem Luftgewehr bei und erinnerte mich immer wieder mit kleinen Gesten daran, dass ich lernen muss, mein Temperament zu zügeln – leider war er hierbei nicht so erfolgreich, wie mit den Apfelschleuder-Lektionen.

Allerdings machte mein Vater auch Fehler, Fehler, die verhängnisvolle Folgen für viele Angehörigen haben sollten. Er getraute sich in entscheidenden Momenten nicht ehrlich zu sein und machte sich, seine Familie und Freunde unglücklich. Nachdem diese Zeit schließlich überstanden war, blieb ein Mann zurück, der an den Folgen seiner Taten sichtlich leidete. Bis zuletzt trug er ein große Bürde mit sich herum, aber statt in ein tiefes Loch zu fallen, raffte er sich auf, fasste sich ein Herz, wollte wieder alles gutmachen. Er hielt Kontakt zu mir, meiner Schwester, meiner Mutter. Ohne uns jemals zu drängen, signalisierte er uns “Ich bin da, ich bin erreichbar, melde dich, wenn du etwas brauchst!”, während er in der Einsamkeit der alten Familienwohnung auf ein Lebenszeichen wartete. Langsam wuchsen wir wieder zusammen und jedes Mal, wenn ich meinen Vater traf, sah ich ein glückliches Funkeln in seinen kleinen Augen, die eine Ehrlichkeit ausstrahlten, welche bei vielen anderen Menschen schon lange nicht mehr zu finden ist.

Ja, mein Vater hat Fehler gemacht, aber er hat Reue gezeigt, ist umgekehrt, hat schließlich sich gerettet und auch uns wieder vereint und sich verweigert, einfach aufzugeben, einfach abzuhauen. Er lebte kein einfaches Leben, aber er scheiterte nicht. Er stolperte und fiel, aber er stand auch wieder auf. Er entäuschte seine Familie, gleichzeitig liebte er sie bis zuletzt und über alles.

Keiner von uns weiß, was nach dem Tod passiert. Unsere Geistlichen sprechen von einem Jenseits, das dem Himmel gleich die Verstorbenen zusammenbringt und über die Lebenden wachen lässt. Ich kann genauso wenig wie jeder andere hier sagen, ob das stimmt oder nicht. Eines allerdings weiß ich mit Sicherheit: Wenn wir das Andenken von meinem Vater, Paul Schott, in Zukunft ehren, uns an sein Lachen und sein Leben erinnern, so wird er ganz gewiss unsterblich werden. Und vielleicht blickt er nun tatächlich von irgendwo mit seinen kleinen, glücklich strahlenden Augen auf uns herab und freut sich, dass seine letzten Bemühungen nicht umsonst waren. Vielleicht sitzt sein Vater und seine Mutter nun bei ihm, die er viel zu früh in seinem Leben verlor. Vielleicht freut er sich auch schon auf ein Wiedersehen, wenn für uns schließlich die Zeit gekommen ist.  

Doch bis dieser Moment gekommen ist, sollten wir uns nicht in “Was wäre wenn”-Gedanken verlieren, sondern das Leben leben, aus den Fehlern meines Vaters lernen und uns die Liebe für ihn bewahren, die wir zu seinen Lebzeiten gefühlt, aber ihm vielleicht nicht immer gezeigt haben. Ich selbst habe ihm verziehen und werde meinen Teil dazu beitragen, die Erinnerung an meinen Vater, Paul Schott, niemals sterben zu lassen und sein Erbe mit Stolz und einem glücklichen Funkeln in meinen Augen zu bewahren.

Im zurückliegenden Jahr 2014 beschloss ich, dem universitären Elfenbeinturm den Rücken zu kehren und mein anderes Hobby, Videospiele, zum Beruf zu machen. Während ich anfangs noch skeptisch über die Möglichkeiten der neuen Laufbahn war, wurde ich mittlerweile positiv überrascht, wie kompetent, sympathisch und leidenschaftlich Kollegen und neue Freunde über ihre Arbeit sprechen. Meinem Vater verdanke ich, dass ich diesen Weg einschlagen konnte. Viel konnte ich aus seinen Fehlern lernen, zum Preis einer gebrochenen Seele, der ich viel zu selten in Telefongesprächen lauschte. Nun lässt sich nichts davon mehr rückgängig machen und ich spüre Neid gegenüber Gläubigen, die sich in solchen Momenten auf ein sicheres Wiedersehen freuen dürfen.

Mir bleibt hingegen nichts. Nichts, außer ein Berg an unausgesprochenen Worten, unvergesslichen Momenten und weiteren schlaflosen Nächten, die mich auch im nächsten Jahr erwarten werden. Trotz all der Ohnmacht, die in unser aller Nacken sitzt, will ich nicht aufgeben, nicht aufhören. Ich will neue Projekte angehen, alte Pläne festigen, ich will mich auf das Wesentliche konzentrieren und trotzdem Zeit für Unwesentliches haben. Auch wenn die Ohnmacht auf mich wie auf euch wartet, den Weg dorthin möchte ich ziehen, biegen, in die Länge drücken, bis der letzte Tropfen Zeit ausgekostet und der letzte Buchstabe geschrieben wurde. Alive and kicking, bis nichts mehr geht.

paul schott
Paul Schott (19.03.1949 – 16.12.2014)